|
Gemütlich widerkäuend lagen Alma und Goldi,
die Kuhnachbarinnen aus Seppl`s Stall in der aufwärmenden Mittagssonne
an dem etwas windigen Junitag auf der saftig-grünen Wiese in der Nähe
des Buchenwaldes am Tobel inmitten der ganzen Herde ihrer milchgebenden
Kolleginnen und der fünf Kälbchen, die ganz weiß in der Sonne
leuchteten und mit ihren buschigen Ohren einige immer wieder um die
Nasenlöcher surrenden Fliegen mit helikopterhaften Bewegungen
vertrieben.
Schwan, wie die älteste und ehrwürdigste Kuh aus Seppl`s Stall genannt
wurde, weil sie als Kälbchen schon den Hals so lang wie ein Schwan in
die Höhe hielt, wenn sie vom Unterkiefer bis zur Brustspitze von
Seppl`s feingliedrigen Fingern hingebungsvoll gestreichelt wurde, rupfte
gerade einige besonders dicke und saftige Kleeblätter ab, die sie mit
einem besonders genüßlichen Blick hinunterschlang, um noch einige rote
und weiße Kleeblüten gleich noch dazuzuraffen in unbeirrbarem Appetit,
den sie sich auch in ihre reiferen Tage erhalten hatte. Reifere Tage,
das kann sie schon von sich sagen lassen, denn in einer Zeit, in der
viele ihrer Kolleginnen in anderen Ställen schon nach dem ersten, spätestens
aber nach dem zweiten Kalb das Zeitliche segnen müssen, weil ihre
Besitzer nicht genug Milch von ihnen bekommen können und das beim
besten Willen nicht jeder Kuh guttut, dachte sie eben daran, daß nun
bald das neunte Kälbchen gerade sich einnisten würde, war doch gerade
vor drei Tagen jener Besamungstechniker genannte Mensch namens Ulli bei
ihr beschäftigt. Ja, dachte sie, in Urgroßmutters Zeiten war das ein
größeres Kaliber, das jedes Jahr für neuen Nachwuchs sorgte; aber im
Laufe der Generationen lernte man irgendwie Gefallen zu finden, wenn da
so ein menschlicher Blondschopf, oder ein dunkelhaariger oder manchmal
ein halb glatzköpfiger die Nachwuchswünsche technisch zu erfüllen
sich Mühe gab. Ja, der blonde Ulli gefiel ihr schon recht gut; und
manches Jahr brachte sie es fertig, daß der Ulli schon ein paar mal zu
ihr kommen durfte; mußte - sagte der Seppl, der hatte da nicht so viel
Verständnis für ihren Gefallen. Aber er mußte ja froh sein, daß er
eine so alte Kuh wie sie im Stall haben durfte, dachte sie bei sich,
dabei ist das ja doch noch gar kein Alter, acht Kälber, sinnierte sie
vor sich hin und ein großer Fladen entfiel ihr soeben und deckte einen
großen Regenwurm zu, der gerade eben hinter ihr zwischen einigen dicken
Löwenzahnblättern aus der Erde hervorkroch, um etwas trockenere Luft
zu schnappen nach den kalten Regentagen der letzten Zeit, wo es ihn
zeitweise vor Kälte nur so zusammengeschnürt hatte; und jetzt dieser
warme Fladen - oh - wie gut die Wärme tut - und für einen Moment war
er fast bewußtlos und fühlte sich glatt wie erschlagen und etwas
breiter war er auch für einen Augenblick. Reiß dich zusammen, sagte er
aber gleich zu sich selbst, sei froh, daß du so was gutes bekommst, was
da grade auf dich runtergefallen ist. Da hast du und die deinen wieder
tagelang genug und der Seppl freut sich, wenn die Fladen wieder durch
uns, jawohl - buchstäblich durch uns - wieder zu neuer, frischer Erde
werden, wie er sagt. Der versteht das wenigstens noch. Anderen Würmern
in anderen Ländern ist es schon vergangen, sagte er sich, aber bei dem
Seppl da gehts uns halt doch noch gut. Der weiß eben noch, was wir da
jeden Tag tun; und da tut man`s ja auch gerne. Und er reckte den Hals,
um etwas mehr von der Umgebung zu sehen. Jawohl - alles in Ordnung - auf
dieser Wiese, alles voller Wurmlöcher; kein Wunder, daß Seppl`s Kühe
solch ein saftiges Gras futtern dürfen. Doch mitten unterm sinnieren
erschrak er und fuhr zusammen und wurde ganz kurz. Tippelte nicht da drüben
beim nächsten Fladen Rabe Hansi durch die Halme und pickte dort und
pickte da. Welch ein Schreck! So einen Picker hatte er doch vor kurzem
mal abgekriegt, dachte er, und das war ganz und gar nicht angenehm. Ein
ganzes Stück von seinem Leibe fehlte ihm, doch was ein richtiger
Regenwurm ist, hält das aus. Und inzwischen ist das wieder alles dran,
was gefehlt hat. Aber jetzt ab in die Erde, sagte er noch zu sich - und
verschwand ganz schnell. Noch und wieder einmal Glück gehabt, meinte
er, als er einige seiner Lieben unten traf, bald wär` ich wieder
gepickt oder gar aufgepickt worden - und seinen Lieben stand sein
Schreck mit auf die Stirn geschrieben. Rabe Hansi äugte verwundert
gleichgültig an den Punkt, wo er soeben seinen zielbewußten Schnabel
hinsetzen wollte. Umsonst gepickt, dachte er sich, und wippte behäbig
einige Schritte weiter.
|